Ein Morgen im Mai, Juli oder vielleicht im September ein Morgen, der ein schöner, sonniger Tag zu werden verspricht.

Vor der steinernen Kulisse der alten Barockstadt wimmeln Menschen, am Fahrscheinverkauf, an den Landungsbrücken der Weißen Flotte. Sie drängen auf das Deck eines Schiffes, das noch mit Seilen fest am Ufer vertäut ist, aber schon dampfend, weißliche Wölkchen in den blaugespannten Himmel spinnt. Von der Kommandobrücke aus beobachtet der Kapitän, wie sich der Fahrgaststrom auf das Schiff ergießt, nach Steuerbord, Backbord, aufs Oberdeck. Familien, Pärchen, ältere Leute, alle suchen sich einen günstigen Platz, um zu sehen und die Landschaft als Augenweide zu genießen.

Wann geht es endlich los? In zehn Minuten, gibt der Kondukteur einem zappligen Jungpassagier Auskunft. Zehn Minuten. Zeit um einmal rasch zurückzublicken zur Schiffahrt auf der Oberelbe. Auf dem Riesengebirgskamm, in fast 1400 Meter Höhe, entspringt die Elbe, die dort auf tschechisch Labe heißt. Als breiter Bach berührt sie das Sport- und Erholungszentrum Špindlerûv Mlýn.

Dann gewinnt sie allmählich an Wasser, nimmt Flüsse auf vereinigt sich bei Mêlnik mit der Moldau, um nun als Strom die Böhmische und bei Schmilka, der Grenze zwischen Tschechische Republik und der BRD, die Sächsische Schweiz zu durcheilen. Vor Pirna tritt sie schließlich in die Elbtalweitung ein, in das sächsische Hügelland, das sie in schwungvollen Bögen durchfließt. Beschwerlich und nicht ungefährlich war es daher früher auch, aus den Brüchen von Postelwitz und Cotta bei Pirna auf Lastkähnen stromabwärts den Elbsandstein zu befördern, aus dem das alte Dresden zum schönsten Teil erbaut wurde. So wuchs die Stadt, mit ihrem Fluß, durch ihren Fluß. Erst im 19. Jahrhundert, mit der planmäßigen Stromregulierung, wurde eine geregelte Schifahrt möglich, was 1836 zur Gründung einer Dampfschiffahrtsgesellschaft führte. Bereits ein Jahr darauf lichtete das Dampfschiff, Königin Maria” zur ersten öffentlichen Fahrt die Anker. Ihr folgten ” Prinz Albert” und die erste “Dresden”. Besonders erfolgreich entwickelte sich die Passagier- und Frachtschiffahrt in den Jahrzehnten nach 1845, als Dampfbagger den Flußlauf vertieften.

Und noch vor der Jahrhundertwende, 1898, meldete die Personenschiffahrt auf der Oberelbe einen Rekord: 3630351 Passagiere! Eine Zahl, die nie wieder erreicht wurde. Und zwar deshalb nicht, weil damals die Schiffe auch als wichtiges Nahverkehrsmittel genutzt wurden. Außerdem war die sächsisch – Böhmische Schweiz soeben erst als Ausflugs- und Erholungsgebiet bekannt und erschlossen worden. Und nicht zuletzt erklomm das Reisefieber in jener Zeit gerade seine höchste Kurve. Woran übrigens selbst Ärzte nicht unbeteiligt waren, die eine Dampferfahrt auf der Elbe als äußerst gesunde, erholsame, nervenstärkende Abwechslung empfahlen. Ein weiser Rat, wie man gern bestätigt, der jedoch seinerzeit nicht eine Fahrt mit der Weißen Flotte meinte. Denn deren namentliche Geburtsstunde schlug erst 30 Jahre später, 1928, als alle Schiffe einen weißen Anstrich erhielten.

Wer sich für weitere Einzelheiten interessiert… der Dresdnerwolf gibt Auskunft.